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Corona und das Hoppelpoppel-Dilemma

Hans Fallada schrieb das Kinderbuch „Hoppelpoppel – wo bist Du?“. Es handelt von dem kleinen Jungen Thomas, der zu Weihnachten einen schwarzen Plüschdackel auf Rädern geschenkt bekommt und diesen innig liebt. In einem Moment der Unachtsamkeit bleibt das Hundchen „Hoppelpoppel“ im Zug liegen. Thomas ist untröstlich. So reist sein Vater eigens nach Berlin, Ersatz zu kaufen. Auf der Rückfahrt sitzt ein trauriger, blasser Junge in seinem Abteil. Der Vater packt den neuen Hoppelpoppel aus, um den Jungen zu erheitern. Das Kind ist nun genau so angetan von dem Stofftier wie sein eigener Sohn. Kurz vor dem Ausstieg muss der Mann entscheiden, ob er Hoppelpoppel aus den Armen des Jungen reißt, um seinem Sohn die geplante Freude zu machen. Er wirft das Tier zurück zu dem weinenden Jungen im Zug und geht mit leeren Händen heim. Auf dem Heimweg überkommen ihn folgende Gedanken:

„Irgendetwas war nicht in Ordnung auf dieser Welt, irgendwas stimmte nicht: - Dem einen geben, dass der andere weint? – “   

In den letzten Wochen musste ich häufig an diese Feststellung denken. Seit Ausbruch der Corona-Krise scheint es kaum mehr möglich, Lösungen zu finden, die einer Gruppe helfen, ohne anderen zu schaden. Ich freute mich für stressgeplagte Freunde und Bekannte über die Öffnung der Notbetreuung. Bis ich die erste verzweifelte Mail einer Erzieherin las, die nicht wusste, wie sie den Infektionsschutz gewähren soll. Meine Freundin erzählte mir von einer einsamen alten Dame im Seniorenheim, über die sie gelesen habe. Die Seniorin wolle sich lieber mit Corona infizieren als  isoliert zu sterben. Das klingt nicht nur schrecklich, es offenbart auch ein Problem: Welche Entscheidung für ein Heim ist richtig, wenn andere Bewohner/innen lieber ohne das Virus und dafür mit starken Einschränkungen leben wollen? Das „alle oder keiner“ - Prinzip wird immer dann kompliziert, wenn „alle“ nicht aus einem Munde sprechen. Ein in Demokratien an sich begrüßenswerter Umstand, der uns das politische Entscheiden gerade nicht leichter macht und den ich trotzdem nicht missen will. Sehr oft lasen wir in den letzten Wochen den Satz „In der Krise beweist sich der Charakter“, der Helmut Schmidt zugeschrieben wird. Viel stärker empfinde ich; in der Krise zeigt sich, was den Menschen wichtig ist. Am Anfang habe ich den Fehler gemacht, das zu bewerten. Doch das steht mir gar nicht zu. Des Menschen Baumarkt ist sein Himmelreich. Oder eben auch nicht. Auch Personen mit großen Wohnungen dürfen Homeschooling mal nervig finden. Und überhaupt – ab wie viel Quadratmeter darf gejammert werden? Die Grenze möchte ich ungern festlegen.

Die Gefahr ist groß, alltäglichen Problemen ideologische Debatten überzustülpen. Verlockend ist ebenso das Einsortieren von Menschen in Protestkategorien. Ich möchte frei äußern können, die gemeinsame Zeit mit Arbeit und Kind daheim als persönliches Glück zu empfinden, ohne dabei des Verrats am Feminismus verdächtig zu sein. Gleichermaßen muss ich Menschen die Sorge um unsere Grundrechte zugestehen, ohne sie automatisch auf die Stufe geistiger Wirrnis eines Xavier Naidoo zu stellen. Auch hier ist im Vorteil, wer Interesse hat, sich frei von Stereotypen in die Lebenssituation Anderer hinein zu versetzen. Ich arbeite dran.

Hans Fallada schrieb das Buch 1936. So ganz neu ist dieses Problem der Abwägung demnach nicht. Es kommt nur in diesen Tagen deutlicher und existenzieller zur Geltung. Das Hoppelpoppel-Dilemma wird am Ende des Buches aufgelöst: Als der niedergeschlagene Vater heimkommt, hält sein Sohn bereits überglücklich das vermisste Hundchen in den Händen. Es wurde von der polnischen Bahn aus Zbaszyn (Bentschen), wo man es auffand, zurückgeschickt. Wie lässt sich das nun auf das Corona-Problem übertragen? Sehr schlecht. Die Lage ist komplexer und die Schäden werden enorm sein. Vielleicht ließe sich ein Gleichnis zu einem neuen europäischen Zusammenhalt draus stricken. Das wird man ja wohl noch träumen dürfen.

Bilder: Christa Unzner aus dem Buch „Hoppelpoppel, wo bist Du?“ Jacoby & Stuart 2017

           

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