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Gedenkort KZ Sachsenburg erhalten und ausbauen

Rede von Hanka Kliese zum Antrag der Linksfraktion

„Als ich vor wenigen Wochen das KZ Sachsenburg und die vor Ort engagierten Initiativen besuchte, las ich in der Ausstellung viele Geschichten über Schicksale von Menschen, die in Sachsenburg gequält wurden oder gar zu Tode kamen.

Vielleicht kennen Sie das, wenn Sie eine Gedenkstätte besuchen, eine Reportage im Fernsehen sehen oder einen Bericht über Repression und Gewalt in einer Diktatur lesen: Es gibt immer eine Geschichte, die sich besonders einprägt und einen  - so geht es mir zumindest – über lange Zeit nicht mehr los lässt, schlecht schlafen lässt und immer wieder in den Sinn steigt.

Im Nachgang meines Besuches in Sachsenburg war das in meinem Fall die Geschichte von Dr. Max Sachs. Von 1922 bis 1926 war Max Sachs das, was wir heute sind, Mitglied des Sächsischen Landtages. Aber nicht deshalb hat mich sein Schicksal bewegt. Auf der Website Gedenkstätte Sachsenburg können Sie nachlesen, wie er nach Sachsenburg kam und dort ermordet wurde, Berichte von Augenzeugen werden dort zitiert. Ich wollte diesen Bericht heute hier vortragen, doch beim lauten Lesen wurde mir klar, dass ich das nicht schaffen werde. Zu grausam sind die Einzelheiten, die einem jeden fühlenden Menschen durch Mark und Bein gehen müssen. Deshalb habe ich mich entschieden, an dieser Stelle auf eine couragierte Frau aufmerksam zu machen. Es ist Charlotte Hunger, die nach seiner Todesstunde gerufen wurde. Sie war eine so genannte Heimbürgin (Leichenfrau). Aus ihrem Bericht zitiere ich:

„Es war am 5.10. 1935, als ich zum Dienst nach Sachsenburg in die Friedhofshalle gerufen wurde. Als ich die Halle betrat, bot sich mir ein furchtbarer Anblick. Da lag ein Mensch mit nacktem Oberkörper, nur mit einer Knickerbockerhose bekleidet, welche vollständig durchnäßt war. Daraus musste ich schließen, daß er sein Ende mit Wasser beschließen musste. Wenn ich nur daran denke, regt es mich wieder von Neuem auf.“

An dieser Stelle folgen Beschreibungen zum Leichnam des Ermordeten, die ich gern auslassen möchte.

Charlotte Hunger schreibt abschließend: „Ich habe durch das KZ Lager manches Traurige erlebt, doch der Fall des Dr. Sachs hat mich besonders erregt. Vor Mitleid und Empörung wollte mir lange Zeit kein Essen schmecken und ich konnte nicht schlafen. Diese Schreckenszeit werde ich nie wieder vergessen.“

Das Besondere an diesem Bericht ist, dass die Heimbürgin Charlotte Hunger im Jahr 1935 die Courage hatte, diesen Fall eines ermordeten jüdischen Sozialdemokraten anzuzeigen. Sie ging von der Totenhalle direkt nach ihrem Befund zur Gemeinde, um Anzeige zu erstatten. Der zitierte Brief stammt aus dem Jahr 1957, erst dann fand Charlotte Hunger Worte, davon zu berichten.

Es ist den verschiedenen Initiativgruppen in Sachsenburg, der jungen Lehrerin Anna Schüller und engagierten älteren Menschen aus der Lagerarbeitsgruppe und dem VVN BdA zu danken, denn sie haben die Veröffentlichung solcher Berichte möglich gemacht.

Lange Zeit war die Forschung zum frühen KZ Sachsenburg nicht hinreichend,  so gab und gibt es lange Zeit viele Desiderate auf diesem Gebiet im Freistaat Sachsen. Zuletzt konnten wir in Chemnitz eine Tafel in Erinnerung an Zwangsarbeiter in den ehemaligen Astra-Werken enthüllt sehen.

Immer wieder stellt sich die Frage zu solchen Anlässen: Warum dauert das so lange, Geschichte aufzuarbeiten? Weil es mühselig ist und auf Genauigkeit ankommt. Das ist auch ein Grund, weshalb die Aktiven in Sachsenburg schon einige Jahre auf ihre Gedenkstätte warten müssen.

Ein Bericht, wie ich ihn gerade vortrug, bewegt sehr, reicht aber eben nicht aus, um eine Gedenkstätte zu betreiben. Dazu wurden inzwischen Konzepte vorgelegt. Sie liegen nun dort, wo darüber zu befinden ist – in der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, die sich in einem Newsletter klar zur Gedenkstätte Sachsenburg bekennt. Auch der Landtag hat sich bereits bekannt – in seiner Novellierung des Gedenkstättengesetzes aus dem Jahr 2012, in der in der noch nicht abgeschlossenen Liste der künftig institutionell zu fördernden Gedenkstätten Sachsenburg fest und namentlich verankert ist. So viel Bekenntnisse und immer noch keine Gedenkstätte, mag man sich fragen. Dies hängt auch damit zusammen, dass das Gelände dieses frühen Konzentrationslagers verschiedene Eigentümer hat und noch entschieden werden muss, welche Gebäudeteile zur Darstellung der Geschichte unabdingbar sind und welche nicht.

Ich nehme an, die Komplexität dieses Falls ist auch der antragstellenden Fraktion bekannt und gehe davon aus, dass dieser Antrag eine Art Bekenntnis-Antrag sein soll. Das Bekenntnis des Hauses liegt allerdings seit 2012 vor. Die genauen Abläufe müssen die Akteure wie der Stiftungsrat und auch die Stadt Frankenberg in Benehmen mit den Vereinen vor Ort steuern. Was wir tun können und auch wollen ist, uns im Haushalt entsprechend einzusetzen. Das findet aber erst in der zweiten Jahreshälfte statt. Insofern kann ich ihrem Antrag heute nicht entsprechen, da das Bekenntnis hinter uns und die Finanzierung noch vor uns liegt.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass meine Fraktion das KZ Sachsenburg sowohl in Bezug auf die historische Relevanz des Ortes als auch das zivilgesellschaftliche Engagement für förderwürdig hält. Vielen Dank an alle, die sich in Sachsenburg seit Jahren für die Aufarbeitung von Geschichte ehrenamtlich engagieren. Hier keine Enttäuschungen zu produzieren ist auch eine wichtige Aufgabe in einem Freistaat, der stolz auf seine Demokratie ist. Denn unsere Demokratie auch lebt von Menschen die den Geist und die Courage von Charlotte Hunger fortleben lassen, indem sie an sie erinnern.

Dresden, den 25. April 2018

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